Das Fest: Ein Eisberg taut auf

Diese Filmkritik zu Das Fest erschien im Januar 1999 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert:

Familienfeste haben eine perverse Faszination. Warum sollte man sonst zu jedem Weihnachtsfest sämtliche Vorsätze über Bord werfen, doch wieder gute Miene zum bösen Spiel machen und brav zur Familienfeier erscheinen? Richtig Gefallen an diesen Festivitäten findet nur Oma, die kaum noch hört. Denn unter der Oberfläche gärt es meist.In Thomas Vinterbergs Film Das Fest ist darunter sogar manches gefault. Christian (Ulrich Thomsen) hat geladen ­ zum Sechzigsten seines Vaters Helge. Ein Bär von einem Mann, der sich vom Hotelier emporgearbeitet hat. Christian, sein ältester Sohn, ist Helges ganzer Stolz. Er ist Chef von zwei Restaurants in Frankreich. Doch beim Toast auf den Vater schockt der Sohn. Erzählt in lakonischen Worten, daß der Vater gern badete. Dazu nahm er Christian und dessen Schwester mit. Die beiden mußten sich ausziehen. Dann loste er aus, wen der zwei er vergewaltigte. Grausam realistisch, weil beklemmend, bricht das Kindheits-trauma aus dem so verschlossen wirkenden Christian hervor. Ein paar leise Worte zerfetzen die heile Familienwelt. Doch die Verwandtschaft ignoriert es: Eine nette Feier läßt man sich so leicht nicht kaputtmachen.

Auch als Christian zum zweiten Mal das Glas erhebt und seinem Vater fast mit einem Lächeln die Schuld am Selbstmord seiner Schwester gibt, läßt die Familie die Anklage tapfer verpuffen. Bei der dritten Tischrede wird klar: Auch Helges Frau hat stets vom Inzest gewußt. Doch selbst da findet der Konflikt nicht statt. Am nächsten Morgen wird Helge herauskomplimentiert ­ mehr nicht.

Verwackelt könnte man die Handkamera schimpfen. Dabei bringen die Anfangsminuten die Gewöhnung und der Rest die Faszination. Denn die krümelige Home-Video-Optik ­ auf Video gedreht ­ versetzt den Zuschauer mitten ins Fest. Kein angenehmes Terrain, aber packend. All das ist gewollt, so das Manifest Dogma 95. Vier dänische Regisseure, darunter Vinterberg und Lars von Trier, haben es unterzeichnet. Es schreibt die Handkamera vor, verbietet Musik, Zeitsprünge, Requisite, wünscht Natürlichkeit. Vinterberg, als europäische Entdeckung ausgezeichnet, hat seinen Schwur eingelöst. Doch das Spiel mit strikten Regeln ist nicht beliebig wiederholbar.

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