Liebe deine Nächste! Rendezvous mit Tristan Müller

Diese Filmkritik zu Liebe dene Nächste! erschien im Januar 1999 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert:

Der neue Buck spielt in Berlin. Doch so hat man die Hauptstadt wohl noch nie zuvor gesehen. Als ob Blade Runner oder Batman dort spielten. Aufregend, aber kalt. Und in diese kalte Hölle werden zwei – weibliche – Heilsarmee-Leutnants entsandt, um das wichtigste Gebot umzusetzen: Liebe Deine Nächste!Denn in der Stadtmission ist der Schlendrian eingezogen. Das will der Ordensvorstand ändern. Vor dem Essen soll das Singen und Beten wieder Pflicht werden. Leutnant Josefine (Lea Mornar) nimmt ihre Aufgabe jedenfalls sehr ernst, weitaus ernster als ihre Kollegin Isolde (Heike Makatsch), die auch Kompromisse mit besonders störrigen Bewohnern des Obdachlosenasyls schließen will.

Doch um aus der heruntergekommenen Übernachtungsstätte ein Vorzeigeexemplar heilsarmistischer Nächstenliebe zu machen, ist neben viel tatkräftigem Einsatz der Missionsschwester auch Geld nötig. Das verspricht der mysteriöse Klient Tristan Müller (Moritz Bleibtreu), der ein Auge auf Leutnant Josefine geworfen hat.

100 Mark dafür, daß sie ihre Kappe abnimmt, 10 000 Mark dafür, daß sie das Bett mit ihm teilt. Ätzend findet sie den neureichen Cost-Cutter zunächst, um sich dann doch in ihn zu verlieben – den Leibhaftigen. Denn sein Chef hat ihn auf die Erde gesandt, modernes Teufelszeug zu verrichten: Als zigarrerauchender Vorzeigekarrierist saniert er Firmen vorzugsweise durch die Entlassung von Mitarbeitern. Die läßt er einen Zug malen. Um ihnen dann mitzuteilen: „Der ist gerade für sie abgefahren!“

Nicht der rechte Umgang für eine Soldatin Gottes, doch Josefine weiß nichts von seinem Beruf. Und sie will das Geld – für ihre Mission. Bald werden aber die Weichen hart, und die Harten schwach. Tristan verliebt sich in die herbe Schönheit Josefine, die verschwindet, als sie sein wahres Gesicht erkennt.

Das wahre Gesicht der Geschichte, die Detlev Buck und Co-Drehbuchautor J. F. Otto erzählen wollten, bleibt verborgen. Denn nach der Anfangsviertelstunde verliert die visuelle Brillanz an Anziehungskraft. Der Blick fällt auf die Figuren. Doch Anspielungen laufen da ins Leere, dem Zuschauer fehlt das Verständnis für die Aktionen der Akteure: Mal läuft die verliebte Josefine Tristan ins Hotel hinterher, mal belagert er das Obdachlosenasyl und beschenkt jeden großzügig. Dann legt er wieder einen „Ekel“-Tag ein – und feuert eine Angestellte (Nina Hoss), nachdem sie mit ihm geschlafen hat, mit den Worten „Morgen können sie zu Hause bleiben. Ihre wahren Werte sind in der alten Firma eh nie richtig zur Geltung gekommen…“ So schwankt die Story durch die kalte Berliner Nacht, kommt aber nie beim Zuschauer an.

Auch aus den sprechenden Namen der Hauptdarsteller macht Buck nichts. Denn nicht Tristan und Isolde verlieben sich ineinander, ganz wie das berühmte Paar aus der Wagnerschen Heldendichtung, nein, Tristan und Josefine sind die frisch Verliebten. Vielleicht ein Versehen, wer weiß.

Und Bucks Cameos muß man wohl mögen. Diesmal mimt er einen Bettler und einen servilen Hotelportier. Findet die Casting-Agentur wirklich keine Besseren?

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