Mulan: Wenn die Tochter für den Vater…

Diese Filmkritik zu Mulan erschien im Januar 1999 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert. 

So ein Mann, so ein Mann, zieht uns unwahrscheinlich an, dieser Wuchs, diese Kraft, weckt in uns die Leidenschaft… Den Jahrzehnte alten Schlager kennt jeder. Einige Jahrtausende weiter zurück reicht die chinesische Legende von der Hua Mulan, die Disney im 36. abendfüllenden Spielfilm des Hauses aufgegriffen hat.Neue Märkte erschließen, Käuferschichten anpeilen, strategisch positionieren – das sind in der Ära der Globalisierung auch für Wirtschaftslaien keine Fremdwörter mehr. Viele Unternehmen tun es (DaimlerChrysler), Parteien tun es (Die neue Mitte), warum sollen also nicht auch Hollywood-Studios dies tun? Wartet doch ein weiter Markt in China auf seine Erschließung.

Disney hat dies erkannt und einen alten chinesischen Mythos – den von der Hua (d.h. Frau) Mulan – aufgegriffen und typisch disney-ish umgesetzt. Und im Magic Kingdom sitzen Profis, die noch jeden Stoff massentauglich aufbereitet haben. Massentauglich, das heißt in erster Linie familientauglich. Denn wenn auch die Eltern mit den lieben Kleinen ins Kino gehen, erhöhen sich die Einnahmen ganz beträchtlich… Nicht umsonst herrschte im Dezember an der Kinokasse nur ein Film: Eben Mulan.

China steckt im Krieg. Die Hunnen unter der Führung von Shan-Yu, einem abtrünnigen Militär, haben die nördliche Reichsgrenze – die Große Mauer – überschritten, Ziel ihres Angriffs die Verbotene Stadt und die Absetzung des Kaisers. Die treuesten Truppen hat der Kaiser ausgesandt, das asiatische Riesenreich zu verteidigen. Doch die Streitmacht wird vernichtend geschlagen. Alle Soldaten sind tot. Alle? Nein, ein kleines Häufchen aufrechter und wackerer Krieger hat den Kampf gegen die graugetünchten Hunnen noch nicht aufgegeben. Ihr Kommandant Shang verfügt über eine Wunderwaffe, die das Anrennen der tumben Hunnen mit einem Handstreich stoppt: Mulan nämlich.

Die tapfere Kriegerin hat vorher mit einem Grundproblem des Militärs zu kämpfen: als Frau kommt frau da nicht rein. Schnippschnapp, Haare ab, Brust rein,.Schwert raus: Mulan zieht für ihren kranken Vater in den Krieg, um ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren. Hartes Training im Militär-Camp bringt ihr nach einigen Mühen auch den Respekt ihrer Kameraden ein. Auch Shang findet Gefallen an ihr – als Soldat. In die andere Richtung sind Mulans Gefühle da zunächst erheblich stärker. Doch eine Gefahr – wie der Angriff der Hunnen – wäre bei Disneys keine Gefahr, gäbe es nicht auch eine Lösung. Und Mulans taktische Meisterleistung tritt eine Lawine los…

Einen weisen Rat gibt der chinesische Kaiser dem Leutnant, an den Mulan ihr Herz verloren hat, nachder Ordensverleihung noch auf den Weg: „Nimm sie, so eine wie sie findest Du nicht in jeder Dynastie!“

So einen Film allerdings jedes Jahr zur Weihnachtszeit… Das macht auch das Spiel mit den Geschlechterrollen nicht wett, daß der Zeichentrickriese diesmal wagt. Denn alles ist wieder dabei, was man von Disney kennt: ein tapferer Held, ein weiser Großvater, ein vorlauter Sidekick, den im Original Eddie Murphy die Stimme lieh, und ein paar zuckersüße Songs. Geht es nicht anders?

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