Mord im Weißen Haus: Reden, Regen, Regieren

Diese Filmkritik zu Mord im Weißen Haus erschien im Juli 1998 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert. 

Eine Nacht in der Zentrale der Macht. Es regnet in Washington, D.C., der Mordhauptstadt der Vereinigten Staaten. Die Stadt, die den mächtigsten Mann der Welt beherbergt, verliert wieder einmal eine Bewohnerin durch ein Gewaltverbrechen. Nichts Besonderes eigentlich – hätte man die blutüberströmte Leiche nicht in einer Toilette des Weißen Hauses gefunden.

Nicht nur die Putzfrau, die den grausigen Fund gemacht hat, trifft der Schock. Auch die Administration kommt ins Trudeln. Paßt doch so ein Skandälchen den Präsidentenberatern leider gar nicht ins Konzept – schließlich steht ein Krieg mit Nordkorea kurz bevor. Am liebsten würde der Sicherheitschef Nick Spikings (Daniel Benzali) die Affäre unter den Teppich kehren, aber da ist die Polizei vor. Denn auf den brutalen Straßen der amerikanischen Metropolen des Verbrechens gibt es immer noch Super-Cops, die sich ihre Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit bewahrt haben. Ob Mel Gibson in der Lethal Weapon – Serie Sprüche reißt, ob Bruce Willis als legendenumwitterter John McClane in Stirb langsam immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist – Hollywood-Kriminellen stellt sich immer noch ein Hüter der Moral und der Gerechtigkeit in den Weg.

Zunächst sollte eben dieser Bruce Willis auch die Rolle des Detectives Harlan Regis spielen. Für ihn sprang der muskelbepackte Wesley Snipes ein, der in der Exposition mal eben einen Amokläufer lässig entwaffnet. Das soll wohl seine Extra-Klasse unterstreichen. Überhaupt fällt es dem Zuschauer zu leicht, die einzelnen Handlungsstränge und -fädchen zum Gesamt-(Kom)Plot(t) zusammenzufügen. Denn die Andeutungen auf spätere Ereignisse sind so durchsichtig angelegt, daß man die noch kommenden Bilder schon vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Bei der schwierigen Ermittlung im Dickicht des Secret Service steht dem tapferen Großstadt-Cop die schußsichere Geheimagentin Nina Chance (Diane Lane) zur Seite. Da ein schwarzer Mann in Hollywood immer noch nicht mit einer weißen Frau zusammenkommen kann, überrascht es nicht, daß die beiden trotz romantischer Verwicklungen kein Paar werden. Dafür ist der hypercoole Ermittler auch viel zu beschäftigt.

Denn verdächtig sind irgendwie alle. Das macht den x-ten Film dieses Jahres, der im Weißen Haus spielt (neben Wag The Dog, Primary Colors), zeitweise sogar verdammt spannend. Doch schon bald ist alles zu vorhersehbar. Der offensichtliche Intrigant ist gar keiner, sondern der einzig integre Charakter. Der Geheimdienst steht auf keiner Seite – er kämpft für sich allein. Der Präsident (Ronny Cox) wird von seinem Berater Alvin Jordan (Alan Alda) schmählich vorgeführt – schimpft der ihn gar einen Schlappschwanz. Einige Filmideen sind auch einfach fragwürdig. Oder würden Sie einem Supercop abnehmen, wenn er als Hobby den Bau von zimmergroßen historischen Stadtmodellen angibt?

It never rains in Southern California, so das Lied. Hier bleibt eines offen: Warum regnet in Washington, D.C., nachts eigentlich ständig?

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