Mimic: Zauberlehrlinge sterben niemals aus

Diese Filmkritik zu Mimic erschien im März 1998 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert. 

New York City im Winter. Ein Schleier aus Schnee und Nebel legt seinen eisigen Mantel über die Stadt. Doch ein noch kälterer Wind weht durch die Straßen: der Windhauch des Todes.

Eine Epidemie, die Strickler-Krankheit, bedroht das Leben aller Kinder der Metropole. Sämtliche Versuche, die Seuche auf herkömmliche Art und Weise in den Griff zu bekommen, schlagen fehl. Es läßt sich einfach kein Impfstoff entwickeln. Da kommt der Entomologin Susan Tyler (Mira Sorvino) die rettende Idee: Warum nicht die Überträger der Krankheit, die beinahe unausrottbaren Kakerlaken, angreifen? Die Lösung heißt Judas-Brut. Per Gentechnik werden DNS von Termiten und Gottesanbeterinnen verschmolzen. Heraus kommt eine Killer-Rasse, die die Kakerlaken rasend schnell tötet, sich aber nicht fortpflanzen kann.

Drei Jahre später macht die Wissenschaftlerin Tyler eine grausige Entdeckung: Die kastrierten Raubtiere sind mutiert. Die Natur hat die ihr angelegten Fesseln gesprengt – die Insekten haben sich zu den Herrschern der New Yorker Unterwelt aufgeschwungen. Und wieder muß sie gegen einen vielbeinigen Gegner antreten. Diesmal ist er aber noch gefährlicher…

Oscar-Preisträgerin Mira Sorvino schüttelt das dumme Blondchen (in Bullets over Broadway) ebenso aus ihrem schauspielerischen Ärmel wie die toughe Insektenbekämpferin. Die anderen Darsteller bleiben aber eher blaß. Einzig F. Murray Abraham als skeptischer Wissenschaftler vermag da mitzuhalten. Das ist aber auch gar nicht nötig. Die Gruselschauer werden aus anderen Quellen gespeist. New York ist ein düsterer Moloch. Das hat man zwar auch schon woanders gesehen, doch selten so eindrucksvoll. Steigen die Darsteller dann auch noch in die Unterwelt der Riesenstadt herab, schwingt sich del Toro zu wahren bildlichen Höchstleistungen auf. Denn das Gewirr von U-Bahn-Tunneln unter Manhattan ist eine Stadt für sich. Dorthin verirren sich keine Sonnenstrahlen. Es ist warm, feucht – und gefährlich. Die Fäden ziehen dort die Riesen-Insekten. Das Indiz – es gibt keine Ratten mehr.

Um die klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen, braucht der Regisseur – anders als etwa Ridley Scott bei Alien – keine außerirdische Spezies, die die Menschheit bedroht. Die tödliche Bedrohung ist nämlich hausgemacht – sie stammt aus der Hexenküche Genlabor. Natürlich bedient der Film damit weitverbreitete Vorurteile und Ängste des Publikums – aber die Schreckensbilder sind halt gar nicht so abwegig, wie sie zuerst scheinen. Dolly läßt da aufhorchen.

In Outbreak waren die Killerbakterien noch das Ergebnis militärischer Forschung. Diese Krücke braucht „Mimic“ nicht mehr: Der Mensch ist zum Zusehen verdammt, während ihm seine „Schöpfung“, die ihm helfen sollte, eine tödliche Krankheit zu besiegen, aus den Händen gleitet. Denn den Überlebensinstinkt seiner Kreaturen hat er fahrlässig unterschätzt. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. Genau diese „Good Turns Bad“-Idee unterscheidet den Film von anderen Viren-und Seuchenschockern und macht die Bedrohung noch realer. Schließlich wenden sich Wesen gegen den Menschen, die dieser als“dienstbare Geister“ erschaffen hatte. Die erkennen in ihm ihren ärgsten Feind – und nehmen dessen Gestalt an. Verständlich, denn kann es einen tödlicheren Gedanken geben als die Totalausrottung einer Spezies nach getaner Arbeit? So verschwimmen die Grenzen zwischen Tätern und Opfern…

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