Wallstreet-Online.de

Als ich den Anruf von meinem künftigen Chef bekam, dass ich den Job als Redakteur und Projektmanager beim Finanzportal Wallstreet:online hätte, stand ich in einem Kinofoyer in Darmstadt. Mit zwei Kolleginnen war ich dort. Den Film habe ich mittlerweile vergessen Der Film ist mir erst nach dem Posten eingefallen: Tim Burtons „Charlie und die Schokoladenfabrik“, aber die Situation ist noch abrufbar – samt Popcornduft. Es war ein altes Kino, keine dieser Schuhschachteln ohne Handyempfang. Sonst hätte das wohl bis zum nächsten Morgen warten müssen.

Warum erinnere ich mich daran so lebhaft? Weil ich schon nicht mehr daran geglaubt hätte, eine echte Chance auf den Job zu haben. Zum Vorstellungsgespräch war ich mit erheblicher Verspätung aufgekreuzt – ich habe einfach das Gebäude nicht gefunden. Der Grund: Die Hausnummer beschrieb einen ganzen ehemaligen Fabrikkomplex. Das Gebäude war die wichtige Info, die ich nicht verstanden hatte.

Wallstreet:online war damals, 2005, die deutsche Nummer 2 der Finanzportale. Branchenprimus war OnVista, mit einem rechtzeitigen Börsengang mit erheblich Cash versehen. Alles, was wir taten, taten wir, um den Abstand zu Platz 3 zu vergrößern und den Abstand zu Platz 1 aufzuholen.  Beides gelang nicht wirklich – aber Platz 2 war sicher.

In dem Unternehmen habe ich meine erste Startup-Erfahrung gemacht. Das Unternehmen befand sich im Hyperscaling-Modus. Der Firmengründer hatte gerade eine harte Rotstiftrunde hinter sich. Nur noch ein halbes Dutzend Mitarbeiter war geblieben. Als ich das Unternehmen betrat, waren es etwa 20. Als ich kündigte, 15 Monate später, warten es mehr als 70. Und tatsächlich konnte ich aus nächster Nähe alle Fehler sehen, die man so machen kann – nicht genügend Führung für alle Mitarbeiter*innen, Onboarding fand kaum statt – die Kommunikation im Unternehmen zerbrach.

In meiner kleinen Abteilung, Chef plus drei bis vier Mitarbeiter*innen plus Team, war das kein Problem. Der Chef hielt die Kontakte zur Außenwelt, und Jahre später wurde mir klar, dass er fast ausschließlich Menschen eingestellt hatte, die introvertierte Arbeitsbienen waren. Wir haben mit ihm den Bereich Fonds für das Finanzportal neu aufgebaut, und vor allem um geschlossene Fonds (beteilige dich doch an einem Container/Containerschiff mit 10k bis 50k). Damals habe ich wirklich an der Quelle alles über Finanzjournalismus gelernt, was ich wissen wollte – und mehr.

Was bewegt die Märkte – wie werden Foren von Markttreibern ausgenutzt, um Kurse zu machen. Gamestop hat mich nicht überrascht, so wurden schon immer Kursrallyes gemacht. Naja, es hat mich doch überrascht, ich dachte, das wäre durch bessere Börsenaufseher längst Geschichte.

Beim Magazin konnte ich mich als Blattmacher mit meiner engsten Kollegin austoben – sie hatte den Hut auf, ich füllte Seite um Seite. Im Austausch mit möglichen Partnern konnte ich jeden Tag an meiner Schüchternheit arbeiten. Und beim Projektmanagement hilft ein Chef mit Tendenz zum Micro-Management.

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