8MM: A sick, sick world

Diese Filmkritik zu 8MM erschien im April 1999 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert:

 

Die Sitten sind verlottert. Verlottert. Verlottert. Mit so einer Botschaft kann man in den USA eine Wahl gewinnen. Für mehr Programm hat es bei den rechten Moralpredigern um Newt Gingrich in der 94er conservative revolution nicht gereicht. Auch Joel Schumacher, der schon einige Machwerke abgeliefert hat, etwa Batman Forever, und nicht gerade als Moralapostel bekannt ist, hat sich gedacht: Erzähl‘ ich doch mal eine Geschichte, in der Law and Order triumphieren.Als ehemaliger Ausstatter wählte er dann ein möglichst bizarres Setting. Das Pornogeschäft war nicht ausgefallen genug, damit kann man keinen mehr schocken. Selbst im prüden Amerika wohl nicht mehr. Nein, die unter-der-Theke-Ware schlechthin sollte Thema werden: snuff movies. Eine düstere Legende erzählt, daß das Töten von Menschen vor der Kamera zur sexuellen Erregung der Zuschauer dient. Aber die Existenz von snuffs wird immer wieder abgestritten, wahlweise vom FBI oder von Larry Flynt, dem Porno-Verleger, über dessen Gerichtsprozesse Oliver Stone schon glaubte, einen Film produzieren zu müssen.

Nicolas Cage taucht als Privatdetektiv Tom Welles in das schmierige Milieu der Pornofilmer und -verleiher ab. Beruflich. Denn die Millionenerbin und Witwe Mrs. Christian hat ihm einen heiklen Aufttrag gegeben: Unter strengster Diskretion soll er klären, ob auf dem 8MM-Film, den man im Nachlaß ihres Mannes fand, wirklich ein Mädchen bestialisch umgebracht wird, ob es ein snuff movie ist. Von ihm erwartet die alte Frau nur zwei erlösende Worte: nicht echt.

Im cleanen digitalen Archiv der Abteilung „Lost and Found“ beginnt Welles seine Suche nach dem verschwundenen Mädchen. In einer Klosterschule er stößt auf ihre erste Spur – sie führt nach Kalifornien. Schauspielerin wollte sie werden. Was sie dann ja wohl – traut man den Bildern – auch geworden ist. Vertrauen in die Bilder: Daran wird oft gerüttelt, von allen Protagonisten. „Ne, snuff gibt es nicht“, behauptet der Porno-Videothekar Max California (Joaquin Phoenix), der Tom bei seinen Ermittlungen zur Seite steht. Einem Mantra glerich wiederholen alle den selben Spruch: Gibt es nicht, noch nie gesehen.

Doch der Zuschauer weiß: Gibt es. Sonst würde dem Film ja auch seine Motivation fehlen – und dazu setzt Schumacher traditionell zu sehr auf Effekte, um auf den Thrill mit der sexuellen Gewalt zu verzichten. Grenzen ausloten, das will der Regisseur, der von sich selbst behauptet, das erste Mal mit 11 erlebt zu haben. Leider scheint er immer noch 11 zu sein. Denn die Sympathie mit den Figuren, die im moralischen Sumpf umherwaten, mißbraucht er, um einen billigen Rachefeldzug zu rechtfertigen. Tom wird zum Opfer stilisiert – er wird zum Instrument einer porentiefen Moral, die Kapitalverbrecher am liebsten lynchen möchte.

Die Sitten sind verlottert. Moral und Anstand unzeitgemäß. Da muß ein starker Mann aufräumen, die Kernfamilie beschützen. Aber aus so simplen Prämissen läßt sich selbst in Hollwood kein Film machen. Das Böse trägt nicht immer eine dämonische Fratze.

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