In & Out: Don’t ask, don’t tell

Diese Filmkritik zu Gattaca erschien im Januar 1998 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert (und ja, ich habe auch diesen Film viel zu schlecht wegkommen lassen):

Ein Kleinstadtlehrer wird geoutet – im Mittleren Westen einfach unvorstellbar. Da kommt der Versuch, darüber einen Film zu machen, fast einem Tabubruch gleich.
Howard Brackett (Kevin Kline) ist Englischlehrer an einer kleinen Highschool in Greenleaf, Indiana. Das Leben dort verläuft in geordneten Bahnen. Wichtige Dinge geschehen anderswo. So soll seine Hochzeit mit einer Kollegin zum Höhepunkt des Jahres werden. Doch die Woche vor dem großen Fest ändert alles. Bei der Oscar-Verleihung wird sein talentiertester Schüler (Matt Dillon) mit der begehrten Trophäe als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Für ein paar Augenblicke ist die Freude in Greenleaf riesengroß. Doch als der glückliche Sieger in seiner Dankesrede sich bei seinem ehemaligen Englischlehrer bedankt und ihn als schwul outet, ist es um die Kleinstadt-Ruhe geschehen. Die versammelte Regenbogenpresse fällt in das verschlafene Städtchen ein.
Von allen Seiten gerät Howard nun unter Druck. Blaue Haare dürfte er haben, nur nicht schwul sein, so Howards Eltern. Der bestreitet alle derartigen „Vorwürfe“ vehement. Ja, ja, wir sind tolerant, aber der eigene Sohn schwul? Was haben wir denn da falsch gemacht? fragen sich Howards Eltern.
Auch Howards Kollegen, noch mehr aber die Eltern seiner Schüler, geraten in Aufruhr. Denn wenn der Lehrer homosexuell ist, hat er vielleicht gerade mein Kind damit infiziert? Unter den Journalisten, die eine saftige Story wittern, ist auch der hartnäckige Boulevard-Journalist Peter Malloy (Tom Selleck). Auf den ersten Blick bloß ein zynisches, oberflächliches Hollywood-Gewächs, in Wirklichkeit aber ein Missionar in eigener Sache. So ist der TV-Moderator schwul – in der Stadt der Engel nichts Besonderes. Er überzeugt den ach so liebenswerten – und unerfahrenen – Howard, daß auch dieser in Wirklichkeit homosexuell sei – mit einem langen Kuß. Offenkundig sind alle Schwulen sexuell aggressiv – Raubtiere quasi. Vor ihnen muß man sich in Sicherheit bringen, scheint der Film zu behaupten.
Schwulsein ist in den USA immer noch ein heißes Eisen, wenn man sich nicht gerade in San Francisco aufhält. Die Geschichte im Mittleren Westen spielen zu lassen, ist daher schon fast eine Sensation. Aber die Schwierigkeiten von Amerikanern, normal mit Homosexuellen umzugehen, treiben in diesem Film die absonderlichsten Blüten. Der betont unverkrampfte Umgang mit dem Thema vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, daß wohl auch der Regisseur und die Produktionsfirma Schwule für verwirrte und bedauernswerte Männer halten. Verglichen mit der Darstellung von Schwulen in diesem Film kam der Metzger in der Erfolgskomödie Der bewegte Mann noch gut weg.
Eine Frage bleibt nach diesem ärgerlichen Film offen: Wieso hat sich Oscar-Preisträger Kevin Kline für so einen Streifen hergegeben?

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