Titanic: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg…

Diese Filmkritik zu Titanic erschien im Februar 1998 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert. 

Überlange Filme sind ein schwieriges Geschäft. Zum einen für Verleiher und Kinobesitzer, vor allem aber für die Zuschauer. Denn wer hält es schon 194 Minuten – so lang ist der monumentale Film nämlich – auf einem Platz aus?
Aber dieser Film ist anders. Keine Minute zuviel, keine Längen – just perfect. Eigentlich haben sich in diesem Meisterwerk zwei Filme versteckt: Eine klassische Romeo-und-Julia-Geschichte einerseits, ein Katastrophenfilm par excellence andererseits. Der berühmteste Eisberg der Geschichte verbindet diese beiden zu einem harmonischen Ganzen.

Anfang dieses Jahrhunderts. Die Menschen glauben noch an die Allmacht der Technik. So nimmt eine der Ur-Katastrophen dieses Jahrhunderts ihren Lauf. Frauen dürfen noch nicht wählen. Auch ihren eigenen Ehemann nicht. Denn Muttern weiß noch, was am besten für ihre Tochter ist. So auch bei den Bukaters, einer Familie der besseren amerikanischen Gesellschaft. Den einstmals reichen Bukaters ist nur noch der gute Name geblieben. Finanziell steht ihnen das Wasser bis zum Hals. In einer solchen Situation ist eben kein Platz für Gefühle, oder gar eine Liebesheirat. Eine gute Partie muß her, um den hohen Lebensstandard der Familie zu halten. So soll die selbstbewußte und moderne, natürlich auch hübsche Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) mit einem reichen Snob (Billy Zane) verheiratet werden. Dazu schippert man erster Klasse über den Atlantik, an Bord der Titanic auf ihrer einzigen Überfahrt. Aber für die fortschrittliche Braut-in-spe ist es eine Horrorvorstellung, in einem goldenen Käfig gefangen zu werden – sie will sich vom Heck des größten Passagierschiffes der Welt in den eiskalten Ozean stürzen.

Den Selbstmord verhindert in letzter Sekunde der amerikanische Lebenskünstler Jack Dawson (Leonardo DiCaprio). Dabei war es reiner Zufall, der ihn auf die Titanic geführt hat. Die Karten für die Überfahrt hat er nämlich beim Poker gewonnen. Von seinem Lebensmut läßt sich Rose schon bald anstecken. Eine unsterbliche Liebe beginnt. Selten war in der Beziehung eines Liebespaares im Kino so viel Magie zu spüren. Die beiden wirken füreinander geschaffen. Doch die Verhältnisse sind nicht so. Trotz der heldenhaften Tat ist Jack einfach nicht standesgemäß. Er ist nicht nur als Titanic-Passagier, sondern auch als Mensch angeblich drittklassig. Das bekommt er immer wieder zu spüren.

Große Gefühle im Kino laufen häufig Gefahr, als Kitsch empfunden zu werden. Nicht jedoch hier. Der bisherige ungekrönte „Master of Disaster“, James Cameron (Terminator, Terminator 2, True Lies), erweist sich nämlich auch als Virtuose auf den zarten Saiten. So ist die erste Hälfte des Films eine klassische Love Story. In der zweiten Filmhälfte kommen dann – beim Untergang des Dampfers – auch Special-Effects-Freunde auf ihre Kosten. Die 200 Millionen Dollar sieht man dem Film an. Allerdings gilt ja, daß man bei Geschenken nicht immer auf den Preis achten soll. Und James Cameron beschenkt den Kinobesucher reichlich – mit den beiden besten Filmen des Jahres. Daumen drücken für die Oscar-Verleihung!

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