Truman Show: Cue the Oscars!

Diese Filmkritik zu Die Truman Show erschien im November 1998 auf indonet.de. Für mein Archiv habe ich sie hier neu publiziert. 

Für einen bedauernswerten Tropf halten ihn die einen, die anderen glauben, er lebe im Paradies: Truman Burbank (Jim Carrey). Was er wirklich ist? Anders als er wissen wir es: Er ist Star der ersten 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Fernsehserie. Die läuft in der 30. Saison, ihre Fangemeinde zählt 2,7 Millarden, und ihr Umsatz ist so groß wie der Staatshaushalt eines kleinen Landes. Ihr Inhalt: Trumans Leben.

Ohne zu ahnen, daß alles um ihn herum Schein ist, lebt dieser in Seahaven, einem idyllischen und aufgeräumten Seestädtchen. Aber nur einer seiner Bewohner ist echt: Eben Truman Burbank, Versicherungsvertreter. Alle seine Mitbürger sind Schauspieler, selbst seine Frau wird für ihre Rolle bezahlt. Die Fäden zieht Christof (Ed Harris). Der Schöpfer des größten Filmstudios der Welt kann sogar per Knopfdruck die Sonne aufgehen lassen. Und so heißt es jeden Morgen: Cue the Sun.

Trumans Leben läuft ohne Unterbrechung, selbst sein Schlaf geht live über den Äther. Und das alles werbefrei, Geld wird mit Product Placement und Merchandising verdient. 5000 Kameras lassen Truman nie aus den Augen. Da die Produktionsfirma ihn adoptierte, war schon seine Geburt live im Fernsehen zu sehen. Gar nicht so realitätsfern, wie das Angebot von Melittamanntochter und Marienhof-Star Susanna Wellenbrink, sich bei der Geburt ihres Kindes filmen zu lassen, zeigte.

Die totalitäre Bedrohung schleicht sich langsam an den Zuschauer heran. Faschistoid ist diese Welt, in deren aseptischen Straßen alles auf Kommando läuft, diktatorisch ihr Schöpfer Christof. Hat er doch Truman erst geschaffen, seinen Lebenszwirn gewoben. Warum den nicht auch durchtrennen?

Doch Trumans Ahnungslosigkeit verfliegt, da die Illusion mit der Zeit Risse kriegt. Und Neudrehs sind in dieser Traumfabrik unmöglich. Trumans Ausgang aus der Unmündigkeit beginnt mit einem Scheinwerfer, der von der Studiodecke fällt. Die Suche nach dem Ausgang aus der Schimäre beginnt. Hilfe hat Truman dabei nicht zu erwarten, dafür kriegt ja keiner Geld…

Der Drehbuchoscar ist vergeben, Andrew Niccol, Jungspund im Skriptgeschäft, hat ihn sich mit dieser Debütleistung redlich verdient. Zwar konnte seine zweite Story, Gattaca, schon eher verfilmt werden – sogar von ihm selbst – aber nur, weil Jim Ace Ventura Carrey noch einen Vertrag erfüllen mußte. So blieb nach Vertragsabschluß noch ein gutes Jahr, um gemeinsam mit Regisseur Peter Weir am Drehbuch zu feilen.

Die Änderungen erwiesen sich als Meistergriffe. Ursprünglich sollte New York City Trumans Zuhause sein. Aber: Hätte Truman da nicht eher merken müssen, daß man ihn bloß anschwindelt? Warum nicht eine einfachere Welt schaffen, die man besser kontrollieren kann? Seahaven war geboren, eine perfekte floridianische Idylle, ein Städtchen für Rentner und andere Pullunderträger. Der blaue Himmel strahlt eine synthetische, eben durch und durch künstliche Harmonie aus, die über dem grauen Moloch Gotham nie zu realisieren gewesen wäre.

Nachdem der Zuschauer das Kino verlassen hat und allein in die Welt da draußen tritt, wird er selbst zu Truman: Ist in der Straßenlaterne nicht vielleicht doch eine Kamera versteckt?

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